Wir lernen, und lernen, und lernen …

Reisebericht Teil II

Die im vorherigen Beitrag angesprochenen Baumängel haben uns verunsichert. Es geht um kleinere Dinge wir Stufenhöhen und Türnischen, aber auch um Wesentliches, wie falsch betonierte Säulen, die zum Absacken einer der Hauswände führen. Warum? Weil an falscher Stelle am Baumaterial gespart wurde. Die Folge ist, dass sich der Einzug der Mädchen ein weiteres Mal verzögert. Derartige Probleme können und müssen wir in Zukunft verhindern.

Lektion Nummer eins: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Wobei: Kontrolle im Sinne einer Hierarchie kann bei Entwicklungs_zusammen_arbeit natürlich nicht unser Anspruch sein, zumindest nicht, wenn wir unser Prinzip der Partnerschaftlichkeit ernst nehmen. Aber klar: genauer Überblick ist wichtig. Enger Austausch ist wichtig. Nachvollziehen und verstehen können, was auf der jeweils anderen Seite des Ozeans passiert (und warum), ist wichtig.

Lektion eins b: Kontrolle ist nötig, aber Vertrauen-Können ist besser.

Nur – wie kommt man dahin? Von Deutschland aus, mit einem Bauprojekt in einem anderen
Kontinent? Als NGO, die in jeglicher Hinsicht jung (Durchschnittsalter der Mitglieder ebenso
wie die Kürze des Bestehens der Organisation) ist?

Ein entscheidender Schritt: Vor Ort sein. Mit den Leuten, nein, nicht: den Leuten, sondern:
unseren Partnern reden. Einander Kennenlernen. Und vor allem: sich selbst als
vertrauenswürdig erweisen. Aber eben auch: die Prozesse in Istmina, die Dynamiken, die
Hierarchien hinterfragen. Bei wem ist welche Verantwortung gut aufgehoben, wem kann
man auch mal blind vertrauen und wo hakt man lieber zweimal nach? Was sind die äußeren
Faktoren, die wir ändern können, und was sind die Dinge, die „nun einmal so sind“ und die
wir einfach einplanen müssen?

Spoiler alert: Unsere Reise hat uns hier ein enormes, ein riesiges Stück weitergebracht. Wir
sind von Geldgebern zu Gesprächspartnern geworden.

Wir werden noch enger mit Ernesto und Andrea, die für das Qualitätsmanagement vor Ort
zuständig sind, sowie dem Architekten Enrique zusammenarbeiten. Eine noch zentralere
Rolle wird jetzt Padre José Doney zukommen, der Schulleiter des Colegio Diocesano San
José und der eigentliche Initiator der CASA-HOGAR-Idee ist. Er ist von nun an Direktor der
neu gegründeten diözesanen Stiftung, die Träger des CASA HOGAR Projektes in Kolumbien
wird.

Diese Neuverteilung von Verantwortlichkeiten war zunächst ungewohnt, vor allem für
den bis dahin federführenden Bischof Julio García. Aber:

Lektion Nummer zwei: Was sein muss, muss sein.

Wir sind es uns, unseren Unterstützern, und vor allem den Mädchen schuldig, sofort
Konsequenzen zu ziehen, wenn wir bemerken, dass etwas nicht so läuft, wie es sollte.

Last but not least, Lektion drei: Erwarte das Unerwartete.

Wie wir erfahren mussten, behaupten sogenannte „Invasoren“, das Land auf dem wir
bauen, gehöre Ihnen, und machen unseren Vorarbeitern das Leben in vielfacher Hinsicht
schwer. Es klingt absurd: „Invasoren“ rammen Begrenzungspfähle auf anderer Leute Boden,
um „ihren Claim“ abzustecken wie Goldschürfer in Alaska um 1900, und spekulieren dabei
oft genug erfolgreich auf fehlende Gegenwehr. Denn: Die Kirche kann zwar beweisen, dass
der Baugrund auch wirklich ihr Eigentum ist, aber Gerichtsprozesse sind langwierig und
teuer. Und solche Invasoren schrecken auch nicht davor zurück, ihre Ansprüche wo nötig
noch mit Gewalt zu unterstreichen. Es ist mehr als ein weiterer Stein im Schuh – aber wir
humpeln weiter.

Denn: Alles in allem können wir trotzdem eine positive Bilanz ziehen. Da wo bei unserem
letzten Besuch nur ein Fundament lag, steht jetzt ein richtiges Haus. Es ist noch nicht
einzugsfertig, und nachgebessert werden muss auch, aber es ist ein Haus, in dem bald
zwanzig Mädchen werden wohnen können.

Eine Mauer ist entstanden. Sie sichert das Grundstück, auf dem einmal Kinder lernen und
spielen werden, gegen die vielbefahrene Straße ab. Da, wo wir letztes Mal relativ
ahnungslos herumgereicht worden sind, konnten wir nun kritische Fragen stellen,
Antworten einholen, uns eine Meinung bilden. So, wie unser CASA-HOGAR-Deutschland-
Team zahlenmäßig wächst, so wachsen durch unsere Besuche auch unser Ansehen in
Istmina und unsere Einsicht in die dortigen Vorgänge. Unsere Rolle ist eine andere
geworden. Wir begegnen einander auf Augenhöhe – und wir halten den Blickkontakt.
Wir sind froh, und ein wenig stolz, aus weiter Ferne den Bau eines Hause in einem
abgelegenen, von Rebellen umkämpften Teil des kolumbianischen Regenwaldes zu
ermöglichen und zu begleiten. Dass das ganze kein Spaziergang werden würde, war
irgendwie klar. Aber die Dimension des Ganzen, und was es heißt, in Strukturen
einzugreifen, die mit unseren Strukturen nur entfernte Ähnlichkeiten haben, ist ein langer
Lernprozess. Letzlich hängt alles von loyalen, respektierten und gut vernetzten Menschen
wir Padre José Doney und seinem Team vor Ort ab.

Und danken müssen wir vor allem auch unseren vielen Unterstützern, die uns finanziell und
mit ihrem Wissen Tag für Tag helfen. Nach dem letzten Besuch in Istmina können wir nur
einmal mehr bestätigen: Die Sache ist es definitiv wert.