White Charity

Entwicklungszusammenarbeit in zwei Richtungen

Bei CASA HOGAR geht es in erster Linie um die Menschen im Chocó in Kolumbien, besonders um die Mädchen in Istmina. Durch unsere Entwicklungszusammenarbeit sind wir aber natürlich auch selbst Akteure, die Zeit, Energie, Ideen, kurz: Teile unserer Leben und unserer Persönlichkeit investieren. Und indem wir auf die Menschen in unserer Umgebung zugehen und sie um Unterstützung und Spenden für CASA HOGAR bitten, wirken wir auch in Deutschland in die Öffentlichkeit hinein. Deshalb ist es für uns elementar, dass wir nicht nur klare Vorstellungen einer sinnvollen, also zugleich pragmatischen und ethisch vertretbaren Arbeitsweise mit unseren Partnern in Kolumbien und untereinander haben, sondern dass wir auch unsere Rolle als Akteur in Deutschland immer wieder hinterfragen und entsprechend handeln.

Ein wichtiges Handwerkszeug zu einem aufgeklärten Verständnis unserer Rolle sind dabei theoretische Überlegungen, die sich mit „white charity“ betiteln lassen.

White Charity

White Charity ist eine Strömung aus postkolonialen Theorien und der kritischen Weißseinsforschung („Critical Whiteness“). Critical Whiteness versucht die meist unsichtbaren Bewertungen und Konstruktionen und damit verbundene Privilegien von Weißsein bewusst zu machen. White Charity beschäftigt sich mit der Repräsentation der Länder des „globalen Südens“ (in unserem Fall Kolumbien) im öffentlichen Raum in denjenigen Ländern, die Hilfe generieren (also Deutschland)

 

Das sind zu einem großen Teil ganz grundsätzliche dekonstruktivistische Überlegungen:

Die Kategorien „Schwarz“ oder „People of Color“ gibt es nicht an und für sich, sondern nur in Abgrenzung zum „Weißsein“. Dieses wird aber nicht als solches benannt. Weiße sind sich ihrer Ethnizität oft nicht bewusst und definieren sich als „Menschen“, von denen sich die anderen durch ihre andere Hautfarbe unterscheiden. „Weiß“ ist die Norm, „nicht Weiß“ das Andere – ohne dass dies explizit gesagt würde, eben weil es so tief in unsere angestammten Sicht- und Denkweisen eingewoben ist. Und damit gehen die Probleme schon los, denn so urmenschlich und nachvollziehbar es ist, sich selbst (bewusst oder unbewusst) als die Norm aufzufassen, so schwierig ist es zugleich, wenn „das Normale“ nicht als „ein Normales unter vielen Normalen“ gedacht wird, sondern als „das Richtige“ gegenüber „dem Falschen“ — und das ist leider die Regel. Noch problematischer ist, wenn dem Anderen darüber hinaus noch negative Konnotationen angehängt werden, was ebenfalls beinahe zwangsläufig passiert. Dabei schließt dieser weiße europäische Ethnozentrismus an die Geschichte des Kolonialismus mit seinen verheerenden Folgen weltweit und seinen rassistischen Denkmustern an, die sich in versteckter oder offenerer Form bis heute partiell erhalten.

Wie und wo geschieht das?

Da wir uns eben nicht im „globalen Süden“ befinden, sondern in Deutschland, tritt uns ein Land wie Kolumbien (sofern wir nicht zufällig private Beziehungen dorthin pflegen) nur vermittelt durch Medien entgegen. Wir sehen also Bilder von Menschen des globalen Südens im selben Kontext, in dem wir auch Produktwerbung, Artikel zur Innenpolitik oder Unterhaltungsshows rezipieren.

Nehmen wir das Beispiel Werbung im öffentlichen Raum, mit der sich white charity beschäftigt: In unserem Alltag sind hier vor allem weiße Menschen zu sehen. Produktwerbung macht sich den Mechanismus zunutze, dass Menschen sich mit dem ihnen Vertrauten und Gleichartigen identifizieren. Dieser Mechanismus wird aber nicht nur genutzt, sondern durch die wiederholte Nutzung zugleich auch verstärkt. Menschen anderer Hautfarbe kommen im öffentlichen Raum hingegen sehr selten vor und wenn, dann am ehesten auf den Plakaten von Hilfsorganisationen. Auch diese zielen auf eine emotionale Ansprache des Betrachters, der zum Spenden animiert werden soll. Aber die erwünschte Involviertheit des Betrachters ist nicht Identifikation, sondern Empathie. Zu diesem Zweck werden die Lebensumstände oft überzeichnet und die Länder des globalen Südens pauschal als arm, unselbständig, unterentwickelt und hilfsbedürftig dargestellt. Wir sehen Bilder von primitiver Landwirtschaft, erbärmlichen Hütten, lumpenartiger Kleidung — alles was man hier als „authentisch arm“ wahrnehmen würde. Wir sehen ein schwarzes Mädchen und ihre großen Augen, die uns von schräg unten anschauen, und wir lesen die Überschrift: „Werden Sie Pate!“

Und auch wenn wir es nicht merken, wird unsere implizite Annahme bedient (und wiederum dadurch zugleich verstärkt), dass nicht (oder jedenfalls nicht nur) ihre konkrete sozioökonomische Situation und deren globale wirtschaftliche Bedingungen, mithin unser eigener Wohlstand sie hilfsbedürftig machen — sondern ihr Schwarzsein. Darstellungen dieser Art wirken auf sehr subtile, in der Masse aber machtvolle und nachhaltige Weise zurück in die Gesellschaft.

Und noch ein Punkt kommt hinzu: Längst sind ja nicht mehr alle Rezipienten von Werbung in Deutschland selber automatisch weiß. Welche Rollenbilder, welches Selbstverständnis legen wir nichtweißen Mitbürgern nahe, wenn unsere Produktwerbung auf Identifikation mit Weiß-Sein abzielt und unsere karitative Werbung auf Nicht-Identifikation mit dem Nicht-Weißen?

Und was bedeutet das für uns?

Wir hinterfragen deshalb unsere Rolle und die Bilder, die wir von Kolumbien erzeugen, weil wir dafür Verantwortung tragen. Wir mischen uns eben nicht nur in Kolumbien ein und wir müssen nicht nur überlegen, welche Veränderungen im Sinne der Menschen dort wünschenswert sind, sondern wir wirken auch in Deutschland durch unser Auftreten und unsere Repräsentation Kolumbiens und der Menschen dort. Die Gesellschaft im Chocó gerechter machen zu wollen, kann nicht ohne eine gewisse Verantwortung in Deutschland gedacht werden. Wir können nicht Machismo und Frauenverachtung kritisieren und gleichzeitig selbst in kolonialistischen Denkmustern hängen bleiben.

Dabei ist freilich klar: Wir können die Welt unserer kolumbianischen Partner nur mit unseren Augen sehen und ihr Handeln nur mit unseren Maßstäben bewerten. Ein solcher „Ethnozentrismus“ ist nicht zu umgehen. Aber wir können versuchen, uns im Sinne von Positionalität klar zu machen, woher wir kommen und warum wir die Dinge sehen, wie wir sie sehen. Und es ist leider auch klar: Es ist ein Spagat, und wir können unserem Anspruch an uns selbst nicht immer vollumfänglich gerecht werden, zumindest noch nicht. Denn es gibt einen leider sehr stichhaltigen Grund für die Werbung mit Mitleidsbildern: Sie funktioniert.

Konkret heißt das für uns jedenfalls, dass wir versuchen, unsere Bildsprache sehr bewusst und sehr gewissenhaft zu handhaben und auch unsere Formulierungen mit Bedacht zu wählen. Dabei geht es nicht darum, die tatsächlichen Zustände vor Ort zu beschönigen oder abzumildern; wenn im Chocó alles in Ordnung wäre, würden wir uns dort nicht engagieren. Aber wir suchen mit unseren Partnern in Kolumbien eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Wir passen uns einander an und arbeiten besonnen an guten Kompromissen, die einerseits für uns stimmen, weil wir dem Auftrag der Spender Rechnung tragen, die aber andererseits auch für unsere Partner in Kolumbien keine Bewertung ihrer Arbeitsweise darstellen. Wir möchten keine Abhängigkeiten schaffen oder aufrechterhalten. Deshalb setzen wir uns ein für die Umsetzung der Visionen von Menschen aus dem Chocó selbst, die mit unserer Unterstützung, aber aus eigener Kraft für eine positive gesellschaftliche Entwicklung eintreten.