Kontraste und Grauzonen

Reisebericht Teil I

Im März waren vier Mitglieder unseres deutschen CASA HOGAR Teams in Bogotá und Istmina um sich mit den Akteuren vor Ort auszutauschen, Eindrücke zu sammeln und neue Ideen zu formulieren, zu filmen und zu fotografieren – und natürlich um Fort- und Rückschritte unseres Projektes zu begutachten.

Theodor, Agnes, Angelika und Jenny waren für etwa eine Woche dort, wo fleißige Hände Stein auf Stein setzen, um den ersten Mädchen bald den Einzug in unser Internat zu ermöglichen. Vom Jetlag und dem Kampf mit Moskitos einmal abgesehen: Wie sieht denn so ein CASA HOGAR Kolumbienbesuch eigentlich aus, was macht der mit einem, so „innen drin“?

Die Reise war aufregend, fordernd, inspirierend, ernüchternd, lohnend, schwierig, einschüchternd, ermutigend — und noch so viel mehr. Nein, wir sind nicht manisch-depressiv. Aber Kolumbien und unser Arbeits-, nun, Alltag dort ist voller Kontraste: Ein Besuch in Anzug und mit Klimaanlage bei Institutionen wie der GIZ und der Konrad-Adenauer-Stiftung gehören genauso dazu, wie die Lebensgeschichte von Mädchen wie Marcía.

Marcía ist 14 — und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Und praktisch mittellos. Marcía ist der Grund, warum CASA HOGAR so wichtig und richtig ist. Die Probleme der Region und ihrer Bewohner, von Guerillakämpfen bis hin zu Kinderprostitution, sind uns zwar bekannt, aber jedes Einzelschicksal geht noch einmal doppelt nahe. Und gibt neue Energie – die wir auch brauchen:

Die Sicherheitslage im Chocó ist bedenklich, erst im zweiten Anlauf und mit Polizeieskorte war es uns überhaupt möglich, bis nach Istmina vorzudringen. Der erste Versuch scheiterte an einem Hinterhalt: Wir sind nachts unterwegs und werden von einem Auto überholt. Wenig später kommt uns just dieses Auto, mit sichtlich gesteigerter Geschwindigkeit entgegen. In der Ferne vor uns meinen wir das Aufleuchten von Taschenlampen und Scheinwerfern zu sehen. Unser erfahrener Fahrer zögert keine Sekunde. Äußerlich wahrt er relative Ruhe, aber das Tempo, mit dem er wendet, lässt seine wahre Gefühlslage erahnen.

Passiert ist zwar niemandem etwas, aber der Schreck sitzt dann doch erstmal tief in den Knochen. Uns wird erklärt, derartige Vorfälle seien auf das durch den Friedensvertrag mit der FARC entstandene Machtvakuum zurückzuführen. Es klingt absurd, aber die Machtfülle der FARC wirkte durchaus ordnend unter den Guerilla-Gruppen, die nunmehr wie von der Leine gelassen agieren.

Als wir es zur Baustelle geschafft haben, wird der eine Schock vom nächsten abgelöst: Es gibt Mängel am Fundament des Hauses, und sie hätten vermieden werden können. Willkommen in der Grauzone: wer hat „Schuld“, (hat jemand Schuld?), wie können wir wo etwas in Zukunft vermeiden? Liegt Schlamperei zugrunde oder Korruption? Wir lernen, dass wir unsere Kontrollmechanismen noch weiter werden verfeinern müssen. Glück im Unglück: Die Mängel lassen sich größtenteils beheben oder abmildern, und sind nichts, was den Einzug der Schülerinnen in ein sicheres Gebäude verhindern würde. Wir nehmen mit: Es läuft nicht perfekt, aber den Umständen entsprechend gut. Dennoch eine bittere Pille, die es nun zu schlucken gilt und die zeigt, wie wichtig unser Besuch hier ist.

Was da hilft und unsere Stimmung massiv aufklart: die Herzlichkeit und Freude der SchülerInnen des Colegio Diocesano San José. Sie haben uns seit unserem letzten Besuch genauso wenig vergessen, wie wir sie, und empfangen uns mit einem breiten Repertoire verschiedenster Aufführungen (besonders erwähnenswert hier die hauseigene Interpretation von „My heart will go on“). Es ist nicht nur wichtig — es ist auch wirklich, wirklich schön, dass wir hier sind!